Identität, Bilder, Grenzen: Was ein Filmgespräch über Zukunft der Demokratie verrät
Auf Filmfestivals passiert etwas, das man leicht unterschätzt. Es werden nicht nur Filme gezeigt, sondern es wird verhandelt, wie wir uns selbst und andere sehen. Beim Format Meet the Directors am 8. November 2025 ging es auf den ersten Blick um drei sehr unterschiedliche Filme. Trotzdem landeten wir schnell bei einem gemeinsamen Thema, nämlich bei Identität, die einmal als persönliche Biografie, einmal als politisches Gedächtnis und einmal als Grenzerfahrung sichtbar wurde.
Im Reallabor Future Democracies stellen wir häufig die Frage, wie Demokratie im 21. Jahrhundert tragfähig bleibt, welche Regeln, Narrative und Formen des Zusammenlebens sie stabilisieren und welche sie aushöhlen. Das Gespräch mit den Regisseurinnen und Regisseuren hat dafür eine sehr konkrete Perspektive geliefert, weil Filme Identität nicht nur beschreiben, sondern sie als Erfahrung greifbar machen.
Identität als Gedächtnis: Wem gehört die Geschichte?
Juancho Pereira sprach über Paraguay und über eine Diktatur, die 35 Jahre dauerte. Entscheidend war dabei nicht nur die historische Dimension, sondern die demokratiepolitische Konsequenz, denn in Paraguay existiert kein nationales Filmarchiv. Um Bilder der eigenen Vergangenheit zu finden, musste er Material aus europäischen Archiven zusammensuchen. Das ist mehr als eine Produktionsanekdote, weil es eine Frage der kulturellen und politischen Souveränität berührt.
Wenn die visuellen Spuren eines Landes außerhalb liegen, entsteht eine Abhängigkeit, die sogar den Versuch betrifft, die eigene Geschichte zu verstehen. Demokratie lebt vom Streit über Erinnerung, Verantwortung und Wahrheit, aber dieser Streit braucht Quellen, die zugänglich sind. Besonders hängen blieb deshalb die Frage, was Erinnerung kostet, weil Archivmaterial manchmal pro Sekunde abgerechnet wird und kollektives Gedächtnis dadurch zu einer Ressource wird, die sich nicht jede Perspektive leisten kann. In Zeiten von Desinformation ist das kein Nebenthema, denn ohne geteilte und erreichbare Referenzen wird Konsens auf Wissen schnell zur Glückssache.
Identität als Nähe: Sprache, Familie, Brüche
Thea Gajic führte das Thema Identität auf eine andere Ebene, weil sie über eine sehr intime Form von Zugehörigkeit sprach. Ihr Film kreist um die Geschichte ihres Vaters, der aus dem Jugoslawienkrieg floh, und um das, was in Familien häufig nicht erzählt wird. Besonders stark war ihr Moment über Sprache, weil sie Szenen mit serbisch und kroatisch sprechenden Schauspielerinnen und Schauspielern inszenierte, ohne selbst alles zu verstehen. Regie wird in solchen Momenten zur Vertrauensarbeit, und Identität wird zu etwas, das man nicht vollständig kontrolliert, obwohl man es darstellen will.
Das wirkt zunächst privat, aber es ist politisch, weil Migration, Krieg, Verlust und Schweigen Identitäten erzeugen, die nicht sauber, eindeutig oder abschließbar sind. Demokratien tun sich oft schwer mit Ambivalenz, weil sie klare Kategorien bevorzugen, die zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit unterscheiden. Das Gespräch zeigte eher das Gegenteil, denn Identität entsteht häufig als Brücke aus Fragmenten, und Kunst kann diese Fragilität sichtbar machen, ohne sie moralisch auszuschlachten.
Identität als Grenze: Europa im Spiegel der Balkanroute
Federico Camarata brachte Identität an einen Ort, an dem Europa sich selbst besonders deutlich erzählt, nämlich an die Grenze. Sein Film, der im Dunkeln in einem Wald an der serbisch-ungarischen Grenze gedreht wurde, zeigt Menschen, die in einer Zwischenwelt leben, die weder Zuhause noch Ankunft ist. Gleichzeitig wurde deutlich, wie politische Debatten über Migration oft Abstraktionen produzieren, in denen nur noch von „Routen“ und „Strömen“ die Rede ist, während konkretes Leben, also Kälte, Angst, Gewalt und Unsichtbarkeit, aus dem Bild fällt.
Im Gespräch tauchte die Frage auf, ob es so etwas wie europäische Identität überhaupt gibt oder ob der Begriff häufig nur als politische Formel dient. Die Antwort war indirekt, aber sie war ziemlich klar, weil an der Grenze Europa nicht zuerst als Wertedebatte auftaucht, sondern als praktische Erfahrung. Europa erscheint dort als Grenzregime, in dem Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit organisiert werden, und für viele Menschen ist es genau diese Erfahrung, die Europa definiert.
Was folgt daraus für Future Democracies?
Aus dem Gespräch lässt sich eine These mitnehmen, die sich sehr gut in Future Democracies übersetzen lässt. Demokratie braucht Sichtbarkeit, und zwar nicht im Sinne von mehr Aufmerksamkeit, sondern im Sinne von Zugängen, die darüber entscheiden, wer erzählen darf, wer gehört wird und wer im Dunkeln bleibt.
Wenn Archive fehlen oder unerreichbar sind, dann wird Vergangenheit exportiert und Erinnerung wird zur Ware. Wenn Sprache fehlt oder abbricht, dann werden Zugehörigkeiten schnell zu Privatproblemen gemacht, obwohl sie politisch sind. Wenn Rechte an Grenzen ausgehöhlt werden, dann wird Europa zu einer Erzählung über Ordnung, die die Frage nach Würde verdrängt.
Filmgespräche sind dafür ein erstaunlich gutes Labor, weil sie Biografien, staatliche Strukturen und globale Konflikte in einen Raum holen und spürbar machen, dass Identität nicht nur Kultur ist, sondern ein demokratischer Streitpunkt. Vielleicht liegt genau hier eine Zukunftsaufgabe, denn es braucht Räume, in denen Identität nicht als Waffe verhandelt wird, sondern als Frage nach Bedingungen, die demokratisch beantwortet werden müssen. Wer darf erzählen, wer wird gehört, und was müssen Institutionen tun, damit das nicht vom Zufall abhängt?
Quelle Bildmaterial: Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH)
Website-Gestaltung: DAUBERMANN GmbH


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